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Der Tag der platzenden Blasen

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06.01.2012 | Von: Benjamin Piel

Wir haben verlernt zu glauben. Nein, wir wollten nicht mehr glauben. Es war eine Absage an alles Heilige. Das Profane war doch nun wirklich genug! "Ich glaube nur, was ich sehe", lautete die postaufklärerische Maxime.

Wir haben verlernt zu glauben. Nein, wir wollten nicht mehr glauben. Es war eine Absage an alles Heilige. Das Profane war doch nun wirklich genug! "Ich glaube nur, was ich sehe", lautete die postaufklärerische Maxime. "Und was ich nicht sehe, das existiert nicht", war ihr wunderentleerter Umkehrschluss. 

Ökonomie ist unser Übergötze

Wir beschlossen, den Tanz ums goldene Kalb auf nicht zu überbietende Weise wiederaufleben zu lassen. Denn um irgendetwas muss selbst der profanste unter den Transzendenzverweigerern tanzen. Wir wollten uns nicht mehr bestimmen lassen von Gott und Geboten und Traditionen. Das modern-egoistische Heidentum der aufgeklärten Ökonomie erwählten wir als unseren Übergötzen. Auf den Weltenthron setzten wir den berstend kalten Kapitalismus. Haben ihn regieren lassen, während wir dachten, ihn zu beherrschen. 

Pervertierte Statussymbole

Wir beteten das Geld an und die Aktien und die Börsen. Wir wollten groß werden und reich und mächtig. Ein wenig Gott wollten wir sein auf dem seifenglatten Börsenparkett. Wenn wir schon nicht unsterblich sein durften, so wollten wir uns wenigstens unsterblich machen mit unserem Einfluss und unserer gottgleich gefühlten Macht. Rücksicht ist uns zum Fremdwort, Vorsicht zum Spott, Nachsicht zum Witz geworden. Menschlichkeit gab es nur noch in Form von Spendengeldern, bei denen wir nicht den Nächsten, sondern unsere scheinbar grenzenlose Barmherzigkeit anbeteten. Spenden als pervertierte Statussymbole waren unsere höchste Moral. 

Herzinfarkttempo

Wir hatten nur noch uns, ein jeder nur sich selbst. Wenn wir in den Spiegel sahen, dann sahen wir nur uns allein, ein jeder sich selbst. Eine Zeitlang füllten sich unser Portfolios, unser Portmonees, unsere Konten, unsere Depots. Augenscheinlich grenzenlos konnte es so weitergehen. Profit ohne Ende war unser sehnlichster Wunsch in der Eislandschaft unserer schockgefrorenen Herzen. Aber unser Herz blieb gänzlich leer, während wir auf der Überholspur in atemberaubendem Herzinfarkttempo uns selbst überholten. 

Seine Versprechen platzen nicht

Wir haben uns verspekuliert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Blasen sind geplatzt und mit ihnen auch unsere gehetzten Träume einer egomanen Vision. Wir stehen nackt da, hilflos und schutzbedürftig wie ein neugeborenes Kind in seiner ersten Lebensminute. Es fällt uns wie Schuppen von den Augen, wie endlich wir sind und wie klein. Wie nötig wir es haben, unsere Knie zu beugen vor dem Einen, der uns noch immer die Hand hinhält, die wir schon tausendmal weggeschlagen haben im verblendeten Rausch. Wir werden still vor dem, der Ruhe geben kann, auch in der größten Rezession, in der Heuschreckenschwärme mit Gewinnwarnungen rasseln. Es ist keine Rettung als bei Ihm. Mögen alle Blasen platzen, seine Versprechen platzen nicht, seine Liebe bleibt. Über alle Krisen hinaus, wenn wir sie nur annehmen. 

 

Benjamin Piel arbeitet als Redakteur bei der Schweriner Volkszeitung. Er ist Gewinner des KEP-Nachwuchsjournalistenpreises 2011 für engagierte Berichterstattung der Christlichen Medienakademie.


Vorhandene Kommentare

Jörg Schummel schrieb am 09.01.2012 09:12

Ja, was macht Geld aus uns? Das gegenwärtige Geldsystem ist jung, es existiert seit 1913, genau genommen erst seit 1971. Was wir gegenwärtig erleben, ist das Endstadium dieses gescheiterten Experiments. Die entscheidenden Systemmerkmale lassen sich wie folgt zusammenfassen.

1) Geld ist hochpolitisch. Es hat keinen Gegenwert, es wird beliebig aus nichts erzeugt, um Wahlgeschenke zu finanzieren.

2) Es handelt sich um Schuldgeld, seit Jahrzehnten erzeugen Regierungen Rekordneuverschuldungen im Jahrestakt, trotz Rekordsteuereinnahmen. Es basiert somit auf Versprechen, die vorsätzlich niemals eingehalten werden. Stattdessen werden die Schulden monetarisiert, wie es euphemistisch heißt. Dahinter steckt nichts anderes als die Enteignung der Bevölkerung mittels Inflation.

3) Durch Fristentransformation und Teilreserve können die Geschäftsbanken jeden EURO mehrfach ausleihen.

Alle drei Punkte haben eine ständig steigende, sich stets beschleunigende Inflation zur Folge. Die sukzessive Entwertung des Geldes bestraft die Ersparnisbildung und verhilft einer Un-Kultur der Kurzfristigkeit und Konsumorientierung zum Durchbruch. Eine Kultur des Nehmens breitet sich aus, die die unmittelbare und egoistische Bedürfnisbefriedigung sucht. Ludwig Erhard nannte Inflation Volksdiebstahl.

"Zum ersten Mal in der Geschichte ist alles Geld der Welt von nichts gedeckt. Das ist das übelste System, das je von Menschenhand erfunden wurde."
Schweizer Privatbankier Ferdinand Lips

Mit freundlichen Grüßen
Jörg Schummel


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