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Buchtipp 2: Die Decke des Schweigen

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16.01.2012 | Von: Redaktion

Die Decke des Schweigens wird weitergegeben. Und wahrscheinlich sind auch Sie mehr davon betroffen als Sie denken.

"Unsere Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen." (Klagelieder 5,7)

Dieser Vers aus dem Alten Testament fasst die Beobachtungen und Erlebnisse zusammen, die Jobst Bittner in seinem Buch "Die Decke des Schweigens" aufgeschrieben hat. Der Theologe widmet sich den Greueltaten des Holocaust und den Konsequenzen.

Alle schweigen

Bittners These ist gewagt: Etwa drei Viertel der deutschen Familien leiden immer noch unter den schrecklichen Folgen des Zweiten Weltkriegs. Den wenigsten von ihnen ist das bewusst. Doch Flucht und Vertreibung, traumatische Erfahrungen und schuldhafte Verstrickungen belasten auch heute nachfolgende Generationen. Schweigen, so Bittner weiter, ist das gemeinsame Kennzeichen der Betroffenen - sowohl der Opfer als auch der Täter. Die "Decke des Schweigens" wird von Generation zu Generation weitergegeben und verhindert Versöhnung und Heilung. Wie lässt sich diese Situation aufbrechen?

Für andere Buße tun? 

Im interessantesten, und sicher auch umstrittensten, Kapitel des Buches stellt der Autor die Frage, ob stellvertretende Buße möglich ist. Ohne dogmatisch zu werden, untersucht Bittner Begriffe wie Kollektivschuld oder Erbsünde. Dem Leser eröffnen sich hier völlig neue Sichtweisen und Erkenntnisse. Kann die mittlerweile vierte Generation nach dem Krieg (noch) um Vergebung bitten? Jobst Bittner betrachtet hierfür vier Bereiche:

  • die Ebene von Städten und Nationen
  • die Ebene der Vorfahren
  • die Ebene des eigenen Lebens
  • die Ebene der Opfer

Der Autor ermutigt hier, neue Wege zu gehen, um so Heilung und Segen auf den vier Ebenen zu erfahren.

Lösungswege 

Mit dem Buch "Die Decke des Schweigens" ist Jobst Bittner eine hervorragende Analyse der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen gelungen. Bemerkenswert ist, dass er nicht bei der Beschreibung des Problems stehen bleibt, sondern Wege aufzeigt, wie die Decke des Schweigens durchbrochen werden kann. Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen in Tübingen - einer Stadt, die zur Zeit des Nationalsozialismus ein ideologisches Zentrum war, aus dem Massenmörder und Rassentheoretiker hervorgingen - beleuchtet Bittner, wie tiefgreifende Veränderung möglich ist. 

Brandaktuelles Thema

Das Buch ist sicherlich in erster Linie für Christen geschrieben, aber da der Autor die Situation aus biblisch-theologischer und psychologischer Sicht erfasst, ist "Die Decke des Schweigens" für jeden Leser eine spannende und aufschlussreiche Lektüre.

Dass das Thema auch die jüngere Generation sehr beschäftigt, zeigt zum Beispiel die neue Inszenierung der Tänzerin Iris Mirjam Behnke. In ihrem Tanztheaterstück "... was zum Leben übrig bleibt ..." setzt sie sich ebenfalls mit der Problematik der schwelenden Schuld auseinander. Ein Interview mit der Tänzerin in der "Entscheidung" finden Sie hier [zur pdf-Datei].

Buchtipp: 

Jobst Bittner: Die Decke des Schweigens, TOS Verlag 2011, 318 Seiten, 16,95 Euro


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