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Eine alte Dame hatte Geburtstag. Was sollte man ihr schenken? Sie lebte sehr bescheiden. Jeder wusste, wie bedürfnislos sie war. Aber irgendetwas musste es doch geben, womit man ihr eine Freude machen konnte? Nach wiederholtem freundlichem Drängen sagte sie schließlich mit einem schüchternen Lächeln: »Ja, etwas hätte ich doch sehr gerne: Ich wünsche mir eine dunkelblaue Tasche für die wichtigsten Dinge, die ich brauche.«
Die alte Dame hatte eine Schwiegertochter, die sehr reich war. Sie erklärte souverän, natürlich wolle sie die Tasche kaufen. Doch als das Geburtstagskind das Geschenk auspackte, lief ein Schatten über ihr Gesicht. Und in ihren lieben braunen Augen lag plötzlich Schmerz. Sie drehte die Tasche hin und her, strich mit ihren alten gebrechlichen Händen darüber und sagte still: »Es lohnt sich wohl nicht mehr!« Als ihre Freundin das Geschenk genauer betrachtete, verstand sie die Worte. Die Tasche war blau, ja, sie hatte auch die richtige Größe, aber sie war aus einfachem Kunstleder - irgendwo am Stand erworben. Eine lieblose, hässliche Billigware.
Die alte Dame benutzte die Tasche nie, aber der Satz: »Es lohnt sich wohl nicht mehr!« ging durch den Freundeskreis und tat jedem weh.
»Lohnt sich das?« Konzernchefs, Regierende, bis hin zu jedem von uns stellen sich ein Leben lang genau diese Frage. Immer geht es um das Investment: Was bringt der Einsatz ein? Wie viel Kraft, wie viel Zeit, wie viel Geld ist er wert? Jeder will etwas erreichen, aber immer geht es um ein Risiko.
Wenn ein Wirtschaftsunternehmen eine falsche Entscheidung trifft, kann es »Millionen in den Sand setzen.« Bei politischen Entscheidungen sind oft Tausende betroffen, die vielleicht in den Krieg müssen. Unsere eigene kleine Welt erscheint daneben geradezu unwichtig. Und doch ist sie uns am nächsten.
»Lohnt es sich, wenn ich einen Job annehme?«, fragt sich mancher Arbeitslose. »Meine soziale Versorgung ist genauso hoch wie das Gehalt für den Job. Da ist es doch viel entspannter, wenn ich das gleiche Geld ohne große Mühe in die Tasche stecke.«
Jeden Tag neu leben wir mit einer Waage – Schale rechts: Gewinn, Schale links: Verlust.
Aber es gibt auch die, die keine Berechnung anstellen. Die einfach handeln, weil sie die Not sehen. Die weder nach Dank noch Anerkennung fragen. Die nicht zuerst sich selbst sehen. Leute, für die die Waagschalen kein Gewicht haben. Die einfach erkennen: dort werde ich gebraucht und zufassen. Die einem zuhören, der verzweifelt ist und nicht danach fragen, wie viele Stunden das Gespräch kostet.
Die alte Dame hatte die herzlosen Überlegungen ihrer Schwiegertochter verstanden: »Du bist jetzt so alt, du hast nur noch wenige Jahre vor dir. Was willst du da noch mit einer Tasche, die dich bestimmt überlebt?«
Über unsere ständig kalkulierende Frage »Lohnt sich das?« hat ein Einziger ein leuchtendes Ja in den Himmel geschrieben. An einem Kreuz hat er gehangen, von brutalen Händen angenagelt und laut über die höhnende Menge geschrien: »Das tat ich für dich!« Sein Leben hat er weggegeben. »Ich schenke es dir«, hat er gesagt, »weil du ohne mich keine Vergebung hast für deine Schuld, deinen Egoismus, deine Härte.«
Dieser Jesus schreit heraus: »Ja, es lohnt sich, dass ich da blutend hänge! Ich will dir nicht nur helfen, ich will dich retten. Herausziehen aus deiner Tiefe, deiner Verlorenheit, deinem Kreisen um Gewinn oder Verlust. Nur ich kann dir einen neuen Anfang geben. Ich liebe dich.«
Es war nur eine blaue Tasche, aber sie stellte die wichtigste Frage: Nicht, »lohnt es sich?«, sondern »liebst du mich?«
Irmhild Bärend



