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Er gräbt eine Sickergrube. Das hat er schon viele Male gemacht. Er kennt sich aus. Schließlich ist er Tiefbauer. Die Grube soll das Abwasser auffangen,damit es nach und nach versickern kann. Er wühlt sich immer mehr in die Erde mit Spaten und Schaufel, dreieinhalb Meter in die Tiefe. Er blickt nicht auf. Er möchte noch vor Feierabend fertig werden.
Die Grube muss eine bestimmte Form bekommen: oben breit, nach unten schmaler. So können die Sickerringe später in Stufen eingesetzt werden. Endlich ist der angestrebte Punkt erreicht. Aufatmend wischt sich der fleißige Mann den Schweiß von der Stirn. Sein Blick gleitet nach oben.Zufrieden betrachtet er sein Werk: Geschafft! Aber wo war die Leiter zum hinaufsteigen? Erschrocken stellt er fest, er hat sie vergessen. Wie soll er jetzt aus der Grube herauskommen? »Ach«, beruhigt er sich, »ich habe ja noch das Handy.Da kann ich schnell jemanden erreichen.« Hastig greift er in die Tasche, aber sie ist leer. Er muss das Telefon irgendwo liegengelassen haben. Ihm stockt der Atem.Was nun? Die anderen Maurer und Zimmerleute arbeiten so weit entfernt, dass sie ihn nicht hören könnten,wenn er riefe. Es ist bereits später Nachmittag. Um die Zeit hat niemand mehr in seiner Nähe zu tun.Wer soll jetzt noch helfen?
Die Angst wird immer größer. Was wäre,wenn er in dieser Grube die Nacht verbringen müsste, in diesem engen Erdloch,mehr stehend als sitzend?
Er zwingt sich zur Ruhe. Es muss eine Lösung geben! Ob er Stufen in die Wand der Grube stechen kann? Aber schon der erste Versuch zeigt: Es geht nicht. Die Erde sackt einfach weg. Panik ergreift ihn. Bisher war er mit jeder Situation in seinem Leben fertig geworden. Jetzt ist er zum ersten Mal ratlos.
Zwei Stunden vergehen. Es wird immer dunkler. Mit der Dunkelheit wächst die Verzweiflung.Schließlich fängt er an zu beten. Das hat er noch nie getan. Bei den ersten Worten stottert er noch: »Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir doch!« Während er betet, schämt er sich. Bisher war er gut ausgekommen ohne Gott. Jetzt muss er klein beigeben und gerade den um Hilfe bitten, für den er sich nie interessiert hat und von dem er auch niemals etwas wissen wollte.
Er versucht zu rufen, aber alles bleibt still. Wieder betet er. Und eigenartig, der Einfall »Du kannst es ja versuchen« weicht mehr und mehr einem neuen Gefühl von Hoffnung und Zuversicht, wie »Gott, nur du kannst helfen.« Während er da steht, kommen ihm seltsame Gedanken. Wie selbstbewusst hatte er doch bisher gelebt. Er allein war der Mittelpunkt seiner Welt. Immer meinte er, alles »im Griff« zu haben. Jetzt sieht er sich mit leeren Händen. Ein Zustand, der ihn zutiefst erschüttert. »Noch einmal rufen«, denkt er. Laut schallt seine Stimme über die Baustelle. Leer kommt sie zurück. Sein Verstand sagt: »Das nützt alles nichts. Niemand ist in deiner Nähe.« Doch die neue Hoffnung auf den unbekannten Gott sagt: »Wirf dein ängstliches Vertrauen nicht weg, dieser Gott kann mehr als du.«
Dann hört er Schritte, wie aus dem Nichts. Sie kommen näher und näher. Jemand beugt sich über den Schacht und sagt beruhigend: »Haben Sie Geduld, ich bin gleich wieder da.« Später erzählt der Retter er habe seinen abendlichen Spaziergang gemacht und dann den deutlichen Eindruck gehabt: Nimm einen anderen Weg. Und strahlend fügt er hinzu: »Wie gut, dass ich dieser inneren Eingebung gefolgt bin.«
Es gibt viele Sickergruben in unserem Leben. Wir glauben, dass wir damit unsere »Abwässer« in die Tiefe befördern können. Und dass sie dann irgendwo versickern bis nichts mehr da ist. Doch plötzlich finden wir uns in einer Grube wieder und stellen mit Schrecken fest, dass wir ohne Hilfe nicht mehr hinauskommen, dass keine Leiter dasteht und auch kein Handy bereitliegt. Aber einer ist immer da – der große allmächtige Gott. Er holt mich aus der Grube heraus.´
Irmhild Bärend



